Varanasi- Heilige Stadt und dreckiges Wasser

Am Sonntag den 15. Oktober erreichen wir gegen 9.00 Uhr Varanasi in der Region Uttar Pradesh, ca. 780 km von Delhi entfernt. Unser Nachtzug von Delhi benötigt für die Strecke 14 Stunden, die indischen Züge sind nicht die Schnellsten, aber wir haben immerhin eine Hotelübernachtung gespart.

Varanasi liegt an Indiens größtem Fluss dem Ganges und gilt als heiligste aller Städte des Hinduismus. Die Stadt ist dem Gott Shiva („Oberster Herr der Welt“) gewidmet und es gilt als besonders erstrebenswert im heiligen Fluss Ganges zu baden, sowie dort zu sterben und verbrannt zu werden. Daher ist die Stadt ein sehr beliebtes Reiseziel insbesondere für Hindus.

Angekommen am Ganges

 

Wir haben hier für einige Tage ein Hostel gebucht, die Unterkunft ist in Ordnung. Das Zimmer ist klein aber sauber, dafür sind die Gemeinschaftsflächen sehr gemütlich und nett angelegt. Unsere Unterkunft liegt fast direkt am Ganges, in einer kleinen unscheinbaren Nebenstraße.

Auch hier begrüßt uns viel Müll und Gestank in den engen Gassen der Stadt. Varanasi hat nur 1,2 Millionen Einwohner, was man schon fast als ein indischen Dorf bezeichnen könnte. Trotzdem ist auch hier kein indischer Glanz aus 1001 Nacht zu finden.

Ein typisches Bild aus Indiens Straßen…

Das Treiben an Ghats von Varanasi

Entlang des Flusses befinden sich stufenartige Uferbefestigungen in den Fluss, die Ghats genannt werden. Die Stadt hat mehr als 80 verschiedene Ghats an vielen wird gebadet, Wäsche gewaschen oder meditiert.

Wäsche waschen in Varanasi. Fraglich ob die Wäsche wirklich sauberer wird als vorher…

 

Vorbereitungen für die Meditation am Ganges

An zwei werden dem hinduistischen Glauben nach auch Leichen verbrannt. So ist es absolut normal das Gläubige im Wasser baden und einige Meter weiter öffentlich Leichen verbrannt werden. Das Baden im Ganges soll von Sünden reinigen. Das Sterben und die Verbrennung des eigenen Körpers in Varanasi soll dem Glauben nach, den Ausbruch aus dem ständigen Kreis der Wiedergeburt (Moksha) ermöglichen.

Wir machen uns auf die Stadt zu entdecken und starten am nahe gelegenen Ghat. Da es möglich ist einfach von Ghat zu Ghat zugehen, ähnlich eine Uferpromenade, schlendern wir immer am Wasser entlang. Hier tummeln sich viele Menschen, Boote, Kühe, Hunde, Ziegen… es ist eine Mischung aus Faszination und Abneigung. Der ganze Müll der im Wasser schwimmt, die badenden Kinder, das Verbrennen der Toten, die schlafenden oder meditierenden Menschen, die Boote, die Touristen mit ihren Kameras… Wir sind beeindruckt und geschockt gleichermaßen.

Öffentliche Verbrennung in Varanasi

Nach relativ kurzer Zeit erreichen wir eines der Verbrennungs-Ghats in Varanasi. Insgesamt gibt es zwei Verbrennungs- Ghats in Varanasi, dass Harishchandra Ghat und das Manikarnika Ghat, welches das größere und bedeutendere Ghat ist.

Von Weitem sehen wir bereits hohe Rauchschwaden aufsteigen und als wir näher kommen dazu riesige Holzberge. Wir erleben ein für uns skurriles Schauspiel. Menschen tragen Ihre verstorbenen Angehörigen zur Feuerstelle. Die Toten sind in Tücher eingehüllt und liegen auf einer Barre. Während die Angehörigen den toten Körper zuerst im Ganges mit heiligem Wasser tränken sind die herumlaufenden Ziegen bereits dabei den Grabschmuck abzufressen… Wir sind entsetzt!

Vom Rand aus darf hier alles beobachtet werden. Fotos sind hier verständlicherweise verboten. Ein sehr netter Inder erklärt uns für ein paar Rupie das Ritual und die Regeln. Neben dem Ablauf des Rituals lernen wir auch Dinge die wir nicht wissen wollten, z.B., dass hier 200-400 Leichen pro Tag verbrannt werden und dies 24 Stunden/ 7 Tage die Woche passiert. Für eine Leiche sind 360 kg Holz notwendig, da sonst die Leiche nicht komplett verbrannt wird. Oder dass die Hunde die hier überall herumlaufen nach Überresten suchen, die Sie essen könnten und auch dürfen! WAS?! Interessant und dabei für uns erschreckend zugleich.

Das Holz für das Verbrennungsritual am Ganges

Verbrennungsritual am Ganges auf die Schnelle (Eigentlich deutlich umfangreicher)

  • Nach dem Tod wird der Körper gewaschen, neu eingekleidet und zusammen mit Blumen in ein weißes Tuch gewickelt. Nach alter Tradition bauen Männer eine Bambusbahre und tragen den Leichnam zum Trauerplatz am Fluss. Hier wird er mit dem Wasser des Heiligen Flusses getränkt bevor er verbrannt wird.
  • Der Leichnam muss innerhalb von 24 Stunden nach dem Tod verbrannt werden.
  • In der Regel zündet der älteste Sohn des Verstorbenen den Holzhaufen an. Seine Haare hat er als Zeichen der Trauer scheren lassen und er kommt in einem sauberen weißes Tuch gekleidet.
  • Bei Frauen wird das Feuer am Fußende, bei Männern am Kopfende entfacht.
  • Das Feuer zum Anzünden kommt aus dem nahegelegenen Tempel.
  • Nach drei Tagen wird die Asche des Verstorbenen in den Ganges gestreut.
  • Frauen dürfen an dem Verbrennungsritual nicht teilnehmen.
  • Trauer ist während der Verbrennung nicht gewünscht. Der Verstorbene hätte nicht gewollt das getrauert wird.
  • Priester, Kinder, Schwangere und einige andere werden nicht verbrannt. Verstorbene dieser Personengruppen werden dem heiligen Fluss übergeben. Der Tote wird an eine Steinplatte gebunden und im Fluss „versenkt“. So kommt es das auch die ein oder andere Leiche im Fluss schwimmt. (Wir haben ein Glück keine gesehen)

Das ist tatsächlich nur die Kurzform. Wer mehr wissen möchte, findet bei Amazon entsprechende Literatur z.B.: *Shiva Shiva!: Das Geheimnis der indischen Götter – Mythen, Meditationen, Ritual*

Das will niemand sehen!

Während uns noch das Ritual erklärt wird taucht hinter uns ein Vater mit seinem verstorbenen Neugeborenen auf. Die Männer der Familie wickeln das in weiße Tücher umhüllte Baby an eine Platte aus weißem Marmor. Für den Vater ist es zu viel, der Großvater übernimmt. Tapfer steigt er auf das Boot was bereits am Ghat wartet um sein Engelkind in der Mitte des Flusses dem Heiligen Wasser zu übergeben…

Das ist nicht nur für den Vater des Kindes zu viel, sondern auch für uns. Wir verlassen den Ort und sind erstmal dabei die schwere Kost zu verdauen.

Auf keinen Fall verpassen – Heilige Zeremonie (Ganga Aarti)

Jeden Abend bei Sonnenuntergang kann man das Spektakel des sog. Ganga Aarti ein rituelles Feueropfer am heiligen Dashashwamedh Ghat sehen. Wir sind gegen 18.00 Uhr da und beobachten gespannt was passiert. Eine Vielzahl an gläubigen Hindus, Straßenverkäufern und Touristen tummeln sich am Ghat und es werden von Minute zu Minute mehr. Es ist laut, bunt und ein riesiges Durcheinander. Gegen 19.00 Uhr beginnt die Zeremonie. Sie wirkt wie eine Choreograpie und ist sehr sehenswert auch wenn uns Westeuropäern häufig der Sinn verwehrt bleibt. Ohne die Bedeutung zu kennen findet hier eine Mischung aus Musik, Gesang, vielen Bewegungen und vor allem Qualm statt.

Abendliche Rituale am Ganges

Auch ohne den genauen Sinn zu kennen hat die Zeremonie etwas magisches an sich. Du solltest unbedingt daran teilnehmen!

Um einen guten Platz mit entsprechender Sicht auf die Zeremonie zu bekommen ist es ratsam bereits um 18 Uhr dort zu sein. Viele Geschäfte bieten höher gelegene Sitzplätze auf Ihren Balkonen an (gegen Geld). Eine Betrachtung der Zeremonie vom Wasser aus ist ebenfalls eine gute Idee du wird zahlreich angeboten.

 

Der Ganges vor Sonnenaufgang

Ebenso eindrucksvoll wie die Zeremonie am Abend ist das morgendliche Treiben am Fluss. Bereits früh morgens versammeln sich Gläubige und Touristen am Fluss. Die Gläubigen warten auf den Sonnenaufgang, der Startschuss für die rituelle Waschung im heiligen Ganges. Die Touristen? Klar die warten darauf das die Gläubigen mit ihrem Ritual starten. Und so setzt sich die Menschenmasse in Bewegung als die Sonne langsam zwischen den Dunstschichten am Horizont erscheint. Die Gläubigen machen sich auf in das Wasser des heiligen Flusses. Die meisten Touristen sind bereits im oder besser gesagt auf dem Wasser.

Die beste Sicht auf die rituellen Waschungen bietet eine Schiffstour auf dem Ganges. Vorsichtig: Eine 1-Stündige Tour sollte zwischen 50-100 Rupie kosten. Die Vermittler und Eigentümer der Boote starten aber gerne bei 500 Rupie. Also wie immer in Indien, um den Preis feilschen!

Die wichtigsten Ghats

Assi Ghat

Das Assi Ghat befindet sich am äußersten, südlichen Ende und ist daher nicht so überfüllt und chaotisch wie einige der anderen Ghats. Es gibt einige interessante Geschäfte und anständige Cafes. Das Ghat ist ein beliebter Ort für Langzeitgäste. Das Dasaswamedh Ghat ist ca. 30 Minuten zu Fuß entfernt.

Dasaswamedh Ghat

Das Dasaswamedh Ghat liegt im Zentrum des Geschehens und ist die Top-Attraktion in Varanasi. Das Ghat ist eines der ältesten und heiligsten Ghats in Varanasi. Hier findet allabendlich die berühmte Ganga aarti Zeremonie statt. Das Getümmel an diesem Ghat, mit einem konstanten Strom von Pilgern, Touristen, Priestern, Blumenverkäufern und Bettlern ist faszinierend. Es ist möglich hier stundenlang zu sitzen und dem Treiben zu zuschauen – natürlich nicht ohne ständig angesprochen zu werden.

Manikarnika Ghat

Das Manikarnika Ghat ist das Hauptverbrennungs-Ghat (Burning Ghats) in Varanasi. Hier werden 24 Stunden am Tag Leichen verbrannt. Die riesigen Holztürme scheinen nicht kleiner zu werden, obwohl quasi im Minuten Takt neue Leichen an das Ufer transportiert werden.

Chet Singh Ghat

Das Chet Singh Ghat war im 18. Jahrhundert Kriegsschauplatz im Krieg zwischen Maharaja Chet Singh, der Varanasi beherrscht und den Briten. Chet Singh baute eine kleine Festung am Ghat um sich vor den Briten zu schützen. Die Briten eroberten das Fort und inhaftierten Chet Sing. Der Sage nach gelang es ihm mit einem Seil aus Turbanen zu entkommen.  Darbhanga Ghat
Das Darbhanga Ghat bietet eine der besten Fotokulisssen im Vergleich zu den anderen Ghats. Das Ghat verfügt über ein imposantes Palasthotel. Es wurde in den frühen 1900er Jahren von der königlichen Familie von Bihar erbaut.

Harishchandra Ghat

Das Harishchandra Ghat ist das Kleinere, der zwei Verbrennungs-Ghats und somit vielleicht die erste Wahl um sich langsam an die Verbrennungstradition in dieser Stadt heran zu tasten.

Weitere Ghats

Neben den oben vorgestellten Ghats gibt es noch mehr als 70 weitere, die wir hier aber nicht alle aufführen möchten. Der einfachste Weg ist es, einfach mal am Ganges entlang zu laufen und alles auf sich wirken zu lassen. Die Namen der Ghats stehen meistens entsprechend an der Mauer.

Varanasi auf der Spur von Sherlock Holmes und Dr. Watson

Da es Sabrina einige Tage nicht sehr gut geht, auch auf Reisen ist man eben von Krankheit und schlechten Tagen nicht befreit, lassen wir es einige Tage langsam angehen. Die indische Mentalität, der Trubel der Stadt, die Rituale am Ganges, der viele Müll überall und die schlechte Luft nehmen Sabrina ganz schön mit. Also machen wir eigentlich nicht viel außer schlafen, lesen, essen und Hörspiel hören. Unsere neue Entdeckung: *Sherlock Holmes* – sehr zu empfehlen und für Sabrina bestes Einschlafmittel, meistens kommt Sie nicht mal über die ersten 5 Minuten…

Von Varanasi geht es für uns weitere nach Agra und zum Taj Mahal.

 

 

One thought on “Varanasi – Heilige Stadt und dreckiges Wasser – Indien Reise Teil 5”

  1. Unglaublich! Wie abgefahren! Ich dachte, ich hätte schon (fast) alles gesehen/gehört, aber das hier ist echt heftig! Da hätte ich auch die Krise gekriegt, Brina, und zum Ausgleich auf Sherlock Holmes gesetzt! Krass!

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